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Bibliothek > Östliche Schriften > Tao Te King

Das Tao Te King, Lao Tse

aus dem Chinesischen von Rudolf Backofen

 

1. Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Unergründlichen

 

01. Das Unergründliche, das man ergründen kann, ist nicht das unergründbar Letzte.

 

02. Der Begriff, durch den man begreifen kann, zeugt nicht vom Unbegreiflichen.

 

03. Im Unbegreiflichen liegt der Welt Beginn, nennbar wird nur, was Gestalt gewinnt.

 

Daher gilt:

 

04. Das Wesen erschaut, wer wunschlos zum Herzen der Dinge strebt;

 

05. Gestalten nur sieht, wer begehrlich am Sinnlichen klebt.

 

06. Wesen und Gestalt sind nur begrifflich gespalten, geheimnisvoll bleibt ihrer Einheit Grund.

 

07. Diese Einheit ist das Geheimnis der Geheimnisse, zu allem Unergründlichen erst das Tor.


 


2. Das Offenbarwerden des Wesentlichen im Gegensatz

 

08. Wir wissen:Schönheit wird als Schönheit nur erkannt, wenn Nichtschönheit bewusst wird.

 

09. Das Gute wird als Gutes nur erkannt, wenn Nichtgutes bewusst wird.

 

10. Sein und Nichtsein erzeugen einander;

 

11. Schweres kann nur Sein, wo auch Leichtes ist;

 

12. Großes nur, wo Kleines ist;

 

13. Hohes dort, wo Tiefes ist.

 

14. Stimme und Ton bedingen die Klangwelt.

 

15. Vergangenheit und Zukunft bedingen die Zeit.

 

Darum

 

16. wirkt der Weise durch Nichtwirken;

 

17. lehrt durch Schweigen;

 

18. ist allem geöffnet, was auf ihn zukommt;

 

19. erzeugt und behält nichts;

 

20. schafft Werke und fragt nicht nach der Frucht der Werke;

 

21. vollendet und steht immer wieder am Anfang:

 

22. All sein Tun quillt aus Herzensgründen. 


 


3. Nichtwirken -- Grundsatz aller Menschenführung

 

23. Die Fähigen auszeichnen, das heißt: im Volke Streber erziehen.

 

24. Das Seltene preisen, das heißt: die Neider locken.

 

25. Die Begierden reizen, das heißt: die Herzen verwirren.

 

26. Daher weckt ein weiser Fürst keine Leidenschaften, sondern sorgt für Zufriedenheit;

 

27. weckt keine Begierden, sondern lässt sein Volk in sich stark Sein;

 

28. weckt keinen Wissensdrang, sondern fördert die Herzensbildung.

 

29. Er selbst wirkt-ohne zu wirken und erwirkt gerade dadurch die Ordnung des Reichs. 


 


4 Die Unerkennbarkeit des Weltenurgrundes

 

30. Wesenlos ist das Unergründliche, die Wesen lösend von ihrem Sein; abgründig tief ist es, alles Seienden Grund.

 

31. Es mildert das Scharfe, klärt das Wirre, dämpft das Grelle, macht sich eins mit dem Unscheinbaren.

 

32. Quellgrund des Schweigen! Nicht scheinst Du zu wirken!

 

33. Ich weiß nicht, woher Du kommst.

 

34. Du scheinst älter zu sein als selbst der Gott des Himmels. 


 


5. Schöpferisches Unbekümmertsein

 

35. Das All kennt keine Liebe; es schreitet über alles hinweg, als wäre es nichts.

 

36. Auch der Weise kennt keine Liebe, wie Menschen sie kennen; natürliche Bande verpflichten ihn nicht.

 

(Denn mehr als Liebe ist, was im All und im Weisen wirkt.)

 

37. Wie des Schmiedes Blasebalg, in sich leer, doch höchste Glut und edelstes Schaffen ermöglicht, wenn er im Innern bewegt wird, so wirkt aus dem Nichts schöpferisch das All;

 

38. so wirkt der schweigende Mensch, der ledigen Gemüts ist.

 

39. Wer aber nicht schweigen kann, der erschöpft sich. 


 


6. Das Aus sich selbst quellen alles Lebendigen

 

40. Unvergänglich ist der Geist der Tiefe.

 

41. Es ist das Urmütterliche.

 

42. In des Urmütterlichen Schoß wurzeln Himmel und Erde.

 

43. Es ist der Urquell des Lebens, der mühelos aus sich selber quillt. 


 


7. Selbstlosigkeit-das Tor zur Unvergänglichkeit

 

44. Langwährend sind Himmel und Erde.

 

45. Nie sich selbst lebend, erfüllen sie die untergründigen Ordnungen.

 

46. Das ist der Grund ihrer Unvergänglichkeit.

 

47. So kennt auch der Weise keinen Eigenwillen:

 

48. Er fragt nicht nach sich-und kommt doch zu sich.

 

49. Er achtet seiner selbst nicht -- und Sein Selbst vollendet sich.

 

50. Muß es nicht so Sein, dass dem Selbstlosen allein Erfüllung wird? 


 


8. Sich fügen - das Geheimnis echten Lebens

 

51. Echtes Leben gleicht dem Wasser: Still fügt es sich dem Grund, den Menschen verachten, gütig und selbstlos allem dienend,

 

dem unergründlichen Urquell gleichend.

 

52. Echtes Leben ist:

 

53. Anspruchslos nach außen und wunschlos nach innen;

 

54. hingebend im Dienen und wahrhaftig im Reden;

 

55. ordnend im Führen und leistungsstark im Wirken;

 

56. gelassen im Tun.

 

57. Gütig sich fügend, ist es unantastbar. 


 


9. Vom Tun des Notwendigen

 

58. Man darf nicht ein Gefäß überfüllen,  wenn man es nur füllen soll.

 

59. Man kann nicht ein Messer schärfen  und zugleich die Schneide erproben.

 

60. Sinnlos ist es, Gold und Edelsteine zu sammeln,  wenn man sie nicht sicher horten kann.

 

61. Wer, reich und geachtet, nur sich selber kennt,  der zieht sein eigenes Unglück herbei.

 

62. Wer aber Großes vollbringt  und trotz des Ruhms sich bescheiden zurückzieht,  der verwirklicht des Himmels Art. 


 


10. Der Weg zur Lebenstiefe

 

63. Herrschaft des Geistes und Einklang der Kräfte  bewahrt die Seele vor Zersplitterung.

 

64. Seine Herzkräfte bewahrend, anpassend sich fügend,  wird der Mensch dem Kinde gleich.

 

65. Ständig sich läuternd, immer tiefer schauend,  geht er irrtumslos seinen Weg.

 

66. Wer liebend sein Volk führt, lässt es sich selbst ordnen.

 

67. In Zeiten des Glücks und in Zeiten des Unglücks  umhegt er es mütterlich.

 

68. Wer sich um echte Einsicht müht, bedarf keines Wissens.

 

69. Hegen und pflegen,

 

70. Werte schaffen und nichts behalten,

 

71. wirken und der Werke nicht achten,

 

72. führen und doch nicht herrschen:  Das erstrebt der Zielwille unseres Lebens.


 


11. Die Wirksamkeit des Unsichtbaren im Sichtbaren

 

73. Dreißig Speichen enden in einer Nabe;  doch erst das Loch in der Nabe  wirkt des Rades Brauchbarkeit.

 

74. Ton knetend bildet man Gefäße;  doch erst ihr Hohlraum gibt ihnen Brauchbarkeit.

 

75. Mauern, von Fenstern und Türen durchbrochen, bilden Räume;  doch erst die Leere des Raums gibt ihnen Brauchbarkeit.

 

76. So gibt das Stoffliche zwar Eignung,  das Unstoffliche aber erst den Wert.


 


12. Das Sinnliche -- ein Weg zum Sinn

 

77. Der Farben Vielfalt blendet die Augen.

 

78. Der Töne Fülle betäubt das Gehör.

 

79. Der Gewürze Reichtum verdirbt den Geschmack.

 

80. Der Leidenschaften Drang verwirrt das Herz.

 

81. Die Gier nach schwer Erreichbarem zerstört die Sitten.

 

82. Der Weise, von seinem Inneren geleitet,  bestimmt seiner Sinne Grenzen.

 

83. Alles Sinnliche ist ihm auch nur ein Weg zum Sinn.


 


13. Sittliche Unabhängigkeit Voraussetzung alles ordnenden Wirkens

 

84. Gnade ist beschämend wie Angst.

 

85. Ehre macht Kummer wie das liebe Ich.

 

86. Warum ist Gnade beschämend wie Angst?

 

87. In Ängsten schwebt, wer Gnade sucht,  (nicht wissend, ob er sie erhält;)

 

88. in Ängsten verharrt, wer Gnade fand,  (nicht wissend, ob er sie behält;) darum ist Gnade beschämend wie Angst.

 

89. Warum macht Ehre Kummer wie das liebe Ich?

 

90. Aller Kummer kommt daher, dass ich ein Ich habe,  (denn das Ich ist nie zufrieden zu stellen;)

 

91. könnte ich von meinem Ich loskommen,  gäbe es auch keinen Kummer mehr.
Darum:

 

92. Wer sich von Gnade und Ehre  ebenso wie von seinem Ich freihält, dem mag man das Reich übergeben;

 

93. wer selbstlos zu dienen gewillt ist, dem mag man das Reich anvertrauen.


 


14. Innerer Gehorsam erwirkt letzte Erkenntnisse

 

94. Wer das Unergründliche sehen will, wird es nicht sehen; denn es ist unsichtbar.

 

95. Wer das Unergründliche hören will, wird es nicht hören; denn es ist tonlos.

 

96. Wer das Unergründliche erfassen will, kann es nicht ergreifen; denn es ist frei von Gestalt.

 

97. Kein Teilweg führt zu einem Ziel,  nur im Ganzen findet sich das Eine:

 

98. Nenne seine Oberfläche abgründig dunkel und seine Tiefe oberflächenhell (nie ist es begrifflich zu fassen!)

 

99. Es kreist anfangslos durch das All und sinkt endlos ins Nichts,

 

100. ist gestaltlose Gestalt und Seinloses Sein,

 

101. das Unergründlichste in allem Unergründlichen.

 

102. Wer ihm entgegengeht- schaut nicht Sein Antlitz;  wer ihm folgt- dem entzieht es sich.

 

103. Wer ihm aber gehorsam bleibt, so wie ihm die Alten gehorsam waren, der erkennt, was ward und was werden will, der sieht die Selbstentfaltung des Unergründlichen aus sich selbst.


 


15. Ursprünglichkeit -- das Geheimnis im Leben der alten Meister

 

104. Die alten Meister des Lebens waren tiefeins mit den wirkenden Mächten des Lebens.

 

105. In ihrer tiefen Innerlichkeit lag ihre Größe und ihres Wirkens Mächtigkeit.

 

106. Wer vermag sie heute zu erfassen?

 

107. Voller Aufmerksamkeit waren sie, wie Fährleute, die im Winter über den Strom setzen.

 

108. Scheu waren sie, wie Menschen, die von allen Seiten bedrängt werden.

 

109. Zurückhaltend blieben sie, wie es Gästen geziemt.

 

110. Sie fügten sich wie schmelzendes Eis.

 

111. Sie waren echt wie Kernholz.

 

112. Sie waren voller Weite wie ein breites Tal

 

113. und undurchschaubar wie sumpfige Wasser.

 

114. Undurchschaubar erscheinen uns Heutigen auch ihre Erkenntnisse; wer kann sie uns wieder erhellen?

 

115. Wer vermag wieder zum Leben zu erwecken, was uns so tot erscheint?

 

116. Nur wer dem Unergründlichen gehorsam wird, wer sich selbst nicht sucht, wer unscheinbar bleibt und im Mangel vollkommen sein kann.


 


16. Die Erfüllung der ewigen Ordnungen

 

117. Wunschloses Aufwärtsstreben gibt Herzensstille.

 

118. Und kämen auf einen Wunschlosen auch alle Wesen zu,-  er bliebe still, ihr Kommen und Gehen schauend.

 

119. Denn alles Lebendige ist dem Wechsel unterworfen: Es entfaltet sich - und kehret zum Urgrund zurück.

 

120. Zurückkehren zum Urgrund, das heißt: stille werden, das heißt: heimkehren.

 

121. Heimkehr ist: Rückkehr ins Unvergängliche.

 

122. Wer dies erkennt, ist weise; wer es nicht erkennt, stiftet Unheil.

 

123. Wer von der Unvergänglichkeit ergriffen wird, der wird weitherzig.

 

124. Der Weitherzige ist duldsam.

 

125. Der Duldsame ist edel.

 

126. Der Edle erfüllt die ewigen Ordnungen.

 

127. Und wer diese erfüllt, der gleicht dem Unergründlichen, und ist, wie dieses, unvergänglich.

 

128. Keinerlei Schicksal trifft ihn mehr.


 


17. Die Unauffälligkeit guter Staatsführung

 

129. Den echten Führer einer Gemeinschaft gewahrt das Volk kaum;

 

130. weniger große werden geliebt und gelobt,

 

131. die kleinen gefürchtet,

 

132. die Herrschsüchtigen verachtet.

 

133. So wie ein Herrscher seinem Volk vertraut,  vertraut das Volk ihm.

 

134. Die weisen Herrscher wählten bedacht ihre Worte, was sie taten, war gut; ihr Werk vollendeten sie.

 

135. Das Volk aber glaubte, sich selbst zu führen.


 


18. Mangelnde Ursprünglichkeit wirkt auflösend

 

136. Sitte und Recht entstanden, als der Mensch nicht mehr aus dem Ursprung lebte.

 

137. Mit der Herrschaft des Verstandes begann die große Unaufrichtigkeit.

 

138. Als die Einheit des Blutes verloren ging,

 

139. mußte von Elternpflicht und Kindesgehorsam gesprochen werden;

 

140. als die Einheit der Gemeinschaft verloren ging, mußte von Staatstreue und Bürgerpflicht gesprochen werden.


 


19. Echtheit des Wesens Voraussetzung vollkommener Sittlichkeit

 

141. Hundertfach wird eine Gemeinschaft gesegnet, wenn die Menschen nicht mehr wissen und nicht mehr heilig sein wollen.

 

142. Wahre Ehrfurcht und natürliche Liebe wachsen in einer Gemeinschaft, in der Recht und Sitte nicht mehr gefordert werden.

 

143. Unmoral findet keinen Raum in einer Gemeinschaft, in der Selbstlosigkeit das Wirken bestimmt.

 

144. Das sind drei Grundsätze, die nicht gefordert, sondern gelebt werden wollen.

 

145. Nur wo sie gelebt werden, helfen sie dem Menschen.

 

146. Echte Sittlichkeit wird nur, wo ursprünglich gelebt und aus lauterem Herzen gehandelt wird;

 

147. wo sich die Echtheit des Wesens in selbstloser Tat und in Wunschlosigkeit offenbart.


 


20. Die Unbekümmertheit des Weisen um das Urteil der Masse

 

148. Gebt eure Scheinbildung auf, so lösen sich alle Schwierigkeiten.

 

149. Wie klein ist doch der Unterschied zwischen  Ja und Ja!

 

150. Wie bedingt ist doch das Urteil über gut und böse!

 

151. Wie töricht ist es doch, keine Ehrfurcht zu zeigen vor dem, was anderen Ehrfurcht ein-flößt!

 

152. 0h Einsamkeit, wann umfängst Du mich ganz?

 

153. Die Menschen lustwandeln so fröhlich, als ob das Leben ein einziges Volksfest wäre, als ob alle auf des Maien Höhen gingen.

 

154. Ich allein bin verlassen und weiß nicht, was ich tun soll.

 

155. Wie ein Kind bin ich, das noch nicht lächeln kann,

 

156. wie ein Flüchtling, der keine Heimat mehr hat.

 

157. Die andern haben die Fülle, ich habe nichts.

 

158. Ich bin voller Einfalt, wie ein Tor,- es ist zum Verzweifeln!

 

159. Froh und vergnügt sind die andern, gedrückt und traurig bin ich!

 

160. Umsichtig sind sie, voll munteren Strebens,
bei mir aber rührt sich nichts.

 

161. Unruhig, ach, wie die Wogen des Meeres, so walle ich dahin.

 

162. Mich wirbelt das Leben umher, als ob ich haltlos wäre.

 

163. Das Leben der anderen hat Sinn und Zweck, das meine nur scheint unnütz und leer.

 

164. Ich allein bin anders als alle anderen;- doch sei still, mein Herz: Du lebst am Herzen der Weltenmutter.


 


21. Vom Vertrauen in die wirkenden Innenkräfte

 

165. Der Führungskraft höchstes Ziel ist Gehorsam gegenüber dem Unergründlichen.

 

166. Wie das Unergründliche wirkt, wird niemandem kund.

 

167. In unerkennbarer und nicht fassbarer Weise erwirkt es die geistigen Kräfte;

 

168. in unerkennbarer und nicht fassbarer Weise erwirkt es die Formkräfte;

 

169. in unfassbarer und nicht ergründbarer Tiefe trägt es die Keimkräfte in sich.

 

170. Die Keimkräfte erwirken die Wirklichkeit, sie selber sind von der letzten Wirklichkeit erwirkt.

 

171. Diese, nie ihr Wesen offenbarend, erwirkt den Ursprung des Seins.

 

172. Woher weiß ich dies?

 

173. Eben durch sie.


 


22. Das Gesetz des inneren Ausgleichs

 

174. Was unvollkommen ist, wird vollkommen werden;

 

175. was krumm, gerade;

 

176. was leer, voll;

 

177. wenn sich etwas löst, wird Neues werden;

 

178. wo Mangel ist, wird Fülle werden;

 

179. wo Fülle ist, wird Mangel werden.

 

180. Der Weise, das Unergründliche in sich hegend, wird der Welt Vorbild:

 

181. Er achtet nicht auf sich- und wird beachtet.

 

182. Er kümmert sich nicht um sich- und wird verehrt.

 

183. Er sucht nichts für sich- und hat Erfolg.

 

184. Er sorgt nicht um sich- und ist allem überlegen.

 

185. Da er wunschlos ist, ist er unantastbar.

 

186. So ist viel Wahrheit in dem alten Wort: Was unvollkommen ist, wird vollkommen werden.

 

187. Der innere Zielwille unseres Lebens bestätigt es.


 


23. Lebensmeisterung durch stilles sich Einfügen

 

188. Wer wenig redet, findet die rechte Einstellung zu jedem Geschehen.

 

189. Er verzweifelt nicht, wenn Orkane toben; (denn er weiß, sie gehen schnell vorüber;)

 

190. auch ein Platzregen währt nicht den ganzen Tag.

 

191. Himmel und Erde wirken beides.

 

192. Wenn diese schon keine Beständigkeit kennen, um wie viel weniger darf man vom Menschen Beständigkeit erwarten.
(Daher kommt es immer auf die rechte Einstellung an; diese aber heißt: sich still in alles Geschehen einfügen.)

 

193. Wer sich in seinem Tun vom Unergründlichen bestimmen lässt, wird eins mit ihm.

 

194. Wer sich in seinem Tun von seinem innersten Wesen bestimmen lässt, wird eins mit sich selbst.

 

195. Wer sich in seinem Tun von irgendetwas bestimmen lässt, wird eins mit diesem.

 

196. Wer sich in das Unergründliche einfügt, dem wird in dieser Einfügung der Segen des Unergründlichen.

 

197. Wer sich seinem innersten Wesen einfügt, dem wird in dieser Einfügung der Segen des Innersten.

 

198. Wer sich in irgendetwas einfügt, dem wird in dieser Einfügung Segen oder Fluch, je nach der Wesenheit dieses Irgend-etwas.

 

199. Jedem wird soviel Vertrauen, als er gibt.


 


24. Natürlichkeit-Voraussetzung echten Lebens

 

200. Wer auf den Zehen steht, kann nicht stehen.

 

201. Wer die Beine spreizt, kann nicht gehen.

 

202. Wer sich ins Licht stellt, kann nicht leuchten.

 

203. Wer nur sich gelten lässt, kann nichts gelten.

 

204. Wer sich selbst wichtig nimmt, hat kein Gewicht.

 

205. Wer sich selbst lobt, ist nicht groß.

 

206. Solch unnatürliches Tun verabscheuen die himmlischen Mächte; auch der natürlich Empfindende verabscheut es.

 

207. Wer um seine Würde weiß, Träger des Unergründlichen zu Sein, hält sich von solchem fern. 


 

 

 

25. Die Urkraft des Werdens

 

208. Im unergründlichen Grunde liegt die Urwesenheit.

 

209. Sie war, ehe Himmel und Erde waren, ohne Bewegung, ohne Gestalt, noch werdefrei in der Ganzheit des Wesens, ohne Widerstand alles erfüllend: Mutter des Himmels und der Erde.

 

210. Unbegreifbar und unnennbar ist sie.

 

211. Ich bezeichne sie als das Unergründliche.

 

212. Ich kann sie (um eine begriffliche Faßung ringend,)  auch als das Große bezeichnen.

 

213. Damit meine ich: ihr ewig Quellendes,

 

214. und mit diesem meine ich: ihr Unaufhörliches,

 

215. und mit diesem: den erst in allen Fernen des Unendlichen sich schließenden Kreislauf des Werdens.

 

216. Groß ist das Unergründliche;- doch auch der Himmel, die Erde und der König sind groß.

 

217. Dies sind vier Größen, die uns gegeben sind; der König ist nur eine von ihnen.

 

218. Er ist als Mensch an die Gesetze der Erde gebunden.

 

219. Die Erde ist den Gesetzen des Himmels eingefügt.

 

220. Der Himmel folgt dem Gesetz des Unergründlichen.

 

221. Dieses aber ist sich selbst Gesetz.


 


26. Meisterung des Lebens durch stille Würde

 

222. Wer das Schwere willig trägt, meistert auch das weniger Schwere.

 

223. Wer die Ruhe stets bewahrt, ist Herr jeder Unruhe.

 

224. Daher trägt der Weise willig seiner Erdenwanderung Last, lässt sich nicht durch glänzende Aussichten beirren und geht in Ruhe und Würde seinen einsamen Weg.

 

225. Der weltliche Große aber, der oberflächlich dahinlebt, lockert durch seinen Leichtsinn das Gefüge der Gemeinschaft, zerstört durch seine Unruhe die Ordnung des Reichs -- und wird daher sein Reich verlieren.


 


27. Wirkliches Können wirkt echte Bildung

 

226. Ein guter Wanderer hinterlässt keine Spur.

 

227. Ein guter Redner gibt sich keine Blöße.

 

228. Ein guter Rechner bedarf keiner Rechenstäbchen.

 

229. Ein guter Schließer braucht nicht Riegel noch Bolzen, und doch kann niemand öffnen.

 

230. Ein guter Binder bindet nicht mit Band und Strick, und doch kann keiner lösen.

 

231. So vermag auch der Weise in seinem Reif sein den Menschen immer zu helfen; für ihn ist keiner ganz verloren.

 

232. Er vermag alles Seiende zu fördern; für ihn ist nichts Verwerfliches im Sein.

 

233. Das ist aller Menschengestaltung doppeltes Geheimnis: Der Reife vermag immer nur dem weniger Reifen zu helfen; der noch nicht Gebildete ist der Bildungsstoff des Bildners.

 

234. Daher begegne dem in Ehrerbietung, der reifer ist als Du, und umgib den mit Liebe, der Deiner noch bedarf.

 

235. Wer solches nicht tut, weiß nichts von echter Bildung. Das ist ein wichtiges Geheimnis.


 


28. Herzenseinfalt die weltordnende Kraft

 

236. Wer kraftvoll in seinem Männlichkeit wurzelt und zugleich empfänglich ist wie ein Weib: in dem vermag das strömende Leben zu gründen.

 

237. Ist er das Strombett der Welt, so werden die in seinem Selbst wirkenden Kräfte ihn nie verlassen: er kehrt zu des Kindes Ursprünglichkeit zurück.

 

238. Wer vom Licht der Erkenntnis durchdrungen dennoch im Dunklen bleibt, wird zur Leuchte der Welt.

 

239. Ist er Leuchte der Welt, wird er von des Lichtes Mächten nie verlassen: er kehrt zum Urgrund des Lebens zurück.

 

240. Wer um seine innere Größe weiß und dennoch bescheiden bleibt, durch den vermag die Welt zu werden.

 

241. Wird die Welt durch ihn, wird der quellenden Kräfte in ihm kein Ende sein: er hat seines Herzens Einfalt wieder gefunden.

 

242. Breitet sich die Herzenseinfalt unter den Menschen aus, so vermögen diese das Unergründliche wieder zu fassen.

 

243. Der Weise setzt solche Menschen als Vorgesetzte und Verwalter ein.

 

244. Durch solche Verwaltung wird die Welt unmerklich geordnet.

 

245. Echte Macht wächst aus sich selbst.


 


29. Machtpolitik zerstört, Verzicht auf Gewalt baut auf

 

246. Die Erfahrung zeigt, dass man sich die Welt nicht willentlich unterjochen kann.

 

247. Die Welt ist ein sich selbst bildendes geistiges Ganzes.

 

248. Sie mit Gewalt ordnen zu wollen, heißt, sie aus der Ordnung bringen.

 

249. Sie mit Macht befestigen zu wollen, heißt, sie zerstören.

 

250. Denn alle ihre Glieder haben ihr eigenes Gesetz:
die einen müssen voranstürmen, die andern verharren;
die einen schweigen, die andern prahlen;
die einen sind selbst stark,
die andern müssen gestützt werden;
die einen siegen im Lebenskampf,
die andern unterliegen.

 

251. Der Weise erzwingt daher nichts, er überhebt sich nicht und greift nicht mit Gewalt ein.


 


30. Gewaltlosigkeit Voraussetzung jeder Friedenspolitik

 

252. Der Herrscher, der den Ordnungsgesetzen des Alls folgt, sucht nicht die Welt mit Gewalt zu beherrschen; denn er weiß, es fällt alles auf einen selbst zurück.

 

253. Schlachtfelder erzeugen nur Dornen und Disteln; Kriege bringen nur Elend und Not.

 

254. Darum steht der Weise zwar in steter Bereitschaft, aber er erzwingt nichts mit Gewalt.

 

255. Er kennt nicht Ehrsucht noch Ruhm, maßt sich nichts an, strebt nicht nach Macht.

 

256. Er tut das Notwendige, das Not wendet.

 

257. Alle seine Entscheidungen sind fern von Gewalt.

 

258. Er weiß um den Rhythmus des Werdens, weiß, dass alles, was den Gesetzen innersten Lebens widerspricht, zerbricht, dass alles Wesenlose rasch zerfällt.


 


31. Von der Verachtung äußerer Machtmittel

 

259. Auch die trefflichsten Waffen sind Werkzeuge des Unheils, der wesentliche Mensch muß sie verachten.

 

260. Wer um seine letzte Verpflichtung weiß, bedient sich ihrer nicht.

 

261. Der Edle schätzt im Frieden zwar die gütige Linke, im Krieg aber bedarf er der starken Rechten;

 

262. doch immer bleiben ihm Waffen Geräte des Unheils, denn sie sind keines Edlen würdig.

 

263. Nur wenn man ihn zwingt, gebraucht er sie.

 

264. Doch auch im aufgezwungenen Kampfe bleiben ihm Ruhe und Friede das höchste.

 

265. Siegt er, so kann er sich nicht freuen; Freude am Sieg wäre ihm Freude am Menschenmord.

 

266. Wer sich am Hinschlachten der Menschen freut, kann seines Lebens Sinn nicht erfüllen.

 

267. In guten Zeiten schätzt man die Linke, in schlechten die Rechte, (beide haben ihr eigenes Gesetz).

 

268. Auch beim Heer bleibt der Unterführer links, der Feldherr steht rechts.

 

269. So ist es auch Sitte bei einer Leichenfeier.

 

270. Wenn viele gefallen, das Volk mit Schmerz und Trauer erfüllt ist, geht der rechte Sieger in sich gekehrt an der Seite des Volkes wie bei einer Trauerfeier.


 


32. Von der Unscheinbarkeit des Unbegreiflichen im Begreiflichen

 

271. Das Unergründliche ist nie zu ergründen.

 

272. Unscheinbar ist es, trotz seiner Ursprünglichkeit; die Welt kann mit ihm nichts anfangen.

 

273. Würden es Fürsten und Könige in sich tragen, alle Geschöpfe würden von selbst zur Huldigung erscheinen; Himmel und Erde würden vor Freude lieblichen Tau spenden, und die Menschen würden auch ohne Regierung geordnet leben.

 

274. Gewinnt das Unbegreifliche Gestalt, so kann es begrifflich erfasst werden.

 

275. Die Begriffe sind aber nur Hinweise  auf das Nicht zu Begreifende; man bleibe sich stets ihrer Beschränktheit bewusst.

 

276. Bleibt man sich ihrer Beschränktheit bewusst, so besteht keine Gefahr.

 

277. Dann gleicht das Verhältnis des Begreiflichen zum Unbegreiflichen, den Bächen und kleinen Seen, die den Strömen und Meeren zufließen.


 


33. Echtes Gebildetsein überwindet den Tod

 

278. Klug ist, wer andere durchschaut, weise, wer sich selbst durchschaut.

 

279. Kraft beweist, wer andre zwingt, Art jedoch, wer sich selbst bezwingt.

 

280. Willen hat, wer Herr seines Tuns ist, Reichtum aber, wer zufrieden bleibt.

 

281. Standhaft ist, wer an seinem Platz verharrt, wahrhaft lebt, wer im Tod besteht.


 


34. Wahre Größe offenbart sich im Dienen

 

282. O du überströmendes, alles überflutendes Wesen!

 

283. Durch Dich ist das All.

 

284. In Dir leben alle Wesen.

 

285. Du versagst Dich keinem.

 

286. Du alles wirkende, alles fördernde, alles ernährende Weltenmutter, Du ewige Dienerin des Lebens!

 

287. Nie strebst Du nach Ruhm.

 

288. Klein erscheinst Du denen, die Dein anspruchsloses Dienen nicht erfassen.

 

289. Groß aber bist Du, wenn alle Dinge in Dich zurückkehren!

 

290. Und dennoch gebärdest Du Dich nicht als Herrin.

 

291. So dient auch der Weise Sein Leben lang, nie nach Größe fragend, doch Großes wirkend.


 


35. Unerschöpfliche Fülle wird nur durch Hingabe

 

292. Wer den Bildekräften schöpferischen Lebens in sich Raum gibt, zu dem kommt das Wesentliche.

 

293. Es kommt und bleibt in ihm unantastbar, Frieden und stilles Reifen wirkend.

 

294. Musik und Schaustücke locken nur den oberflächlichen Wanderer.

 

295. Das Unergründliche reizt und lockt niemanden.

 

296. Sehen genügt nicht, um es zu schauen.

 

297. Hören genügt nicht, um es in sich aufzunehmen.

 

298. Wer aber gehorsam bleibt, der findet seine Unerschöpflichkeit.


 


36. Vom Wartenkönnen bis zur Reife

 

299. Was man einengen will, muß man zuvor sich entfalten lassen.

 

300. Was man schwächen will, muß man zuvor sich erstarken lassen.

 

301. Was man fallen lassen will, muß man zuvor erhöht haben.

 

302. Was man nehmen will, muß man zuvor gegeben haben.

 

303. Das Ausreifenlassen ist ein tiefes Geheimnis:

 

304. Das Schwache und Biegsame ist immer stärker und widerstandsfähiger als das Starke und Starre.

 

305. Doch wie der Fisch in seinem Element gelassen werden muß, so muß auch der Herrscher im Bereich dieses Geheimnisses bleiben, wenn er sein Reich fördern will.


 


37. Wunschlosigkeit und Frieden wirken der Welt Vollkommenheit

 

306. Im Unergründlichen ist kein Wirken, und doch wirkt das Nichtwirkende alles.

 

307. Wenn Fürsten und Könige sich ebenso von ihm bestimmen ließen, würde sich alles zum Besten gestalten.

 

308. Und wenn die Menschen dennoch Wünsche hätten, so würde ich sie durch Herzenseinfalt überzeugen.

 

309. Herzenseinfalt führt zur Wunschlosigkeit.

 

310. Wo Wunschlosigkeit ist, ist Friede.

 

311. Wo Friede ist, ordnet sich die Welt von selbst.


 


38. Hohe und niedere Formen sittlichen Wirkens

 

312. Wer aus dem Allgrund seiner Seele lebt, wird sich dessen nicht bewusst; darum quellen die innersten Kräfte unmittelbar aus ihm.

 

313. Wer aus einem Teilbereich seiner Seele lebt, möchte zwar von innen her wirken, kann es aber nicht; die innersten Kräfte quellen nicht aus ihm.

 

314. Wer aus dem Allgrund seiner Seele lebt, wird sich seines Tuns nicht bewusst; er kennt kein eigenwilliges Wirken.

 

315. Wer aus einem Teilbereich seiner Seele lebt, handelt ichhaft; er fragt stets nach Sinn und Zweck.

 

316. Liebe drängt zwar zum Handeln, aber sucht nichts für sich.

 

317. Gerechtigkeit drängt auch zum Tun, fordert aber Geltung.

 

318. Bloße Moral muß ebenfalls wirken; folgt man der öffentlichen Meinung nicht, zwingt sie einen dazu.

 


Darum erkenne:

 

319. Wer nicht mehr im Unergründlichen gründen kann, der lebe aus seines Herzens Ursprünglichkeit.

 

320. Wer seines Herzens Ursprünglichkeit verlor, der lebe aus der Liebe.

 

321. Wer nicht mehr liebend zu leben vermag, der handle wenigstens gerecht.

 

322. Wer selbst dies nicht mehr kann, der lasse sich von Brauchtum und Sitte bändigen.

 

323. Das Abhängigwerden von der öffentlichen Moral ist aber die unterste Stufe der Sittlichkeit, schon Ausdruck des Zerfalls.

 

324. Wer dann noch glaubt, durch Verstandesbildung einen Ausgleich für die Herzensbildung schaffen zu können, der ist ein Tor.

 

Darum merke Dir:

 

325. Der echte Mensch folgt seinem innersten Gesetz

 

326. und keinem äußeren Gebot;

 

327. er hält sich an den Quell und nicht an die Abwässer;

 

328. er meidet diese und sucht immer das Ursprüngliche.


 


39. Das Einfach-Eine - Wurzel aller Vielgestaltigkeit im Sein

 

329. Alles hohe Sein ist Ausgliederung aus dem All-Einen, in sich selber wieder eins:

 

330. Der Himmel erlangte die Einheit, daher seine klare Ordnung.

 

331. Die Erde erlangte die Einheit, daher ihre Festigkeit.

 

332. Die geistigen Kräfte erlangten die Einheit, daher ihre Wirksamkeit.

 

333. Alles Empfängliche erlangte die Einheit, daher seine Erfüllung.

 

334. Alles Lebendige erlangte die Einheit, daher seine Fruchtbarkeit.

 

335. Selbst die Herrscher erlangten die Einheit, daher ihre Vorbildlichkeit.

 

336. Alles ist durch die Einheit bewirkt. Ohne klare Ordnung würde der Himmel wohl reißen.

 

337. Ohne ihre Festigkeit müsste sich die Erde wohl auflösen.

 

338. Ohne ihre Wirksamkeit würden die geistigen Gestaltungskräfte wohl versagen.

 

339. Ohne seine Erfüllung bliebe alles Empfängliche wohl leer.

 

340. Ohne seine Fruchtbarkeit müsste alles Lebendige wohl vergehen.

 

341. Ohne ihr vorbildliches Wirken würden die Herrscher wohl gestürzt werden.

 

342. Der Weise weiß, dass alles Edle im Einfachen wurzelt, dass alles Erhabene sich auf Niedrigem aufbaut.

 

343. Daher betrachten sich auch die Fürsten und Könige als hilflose, verlassene und geringe Diener, wissend, dass auch sie im Einfach-Einen gründen.

 

344. Oder stimmt es nicht?

 

345. (Alles muß in seiner wesenhaften Einheit bleiben:)  Wer einen Wagen zerlegt, hat keinen Wagen mehr.

 

346. Wer wie ein Edelstein glänzen will, ist nicht echt und fällt doch nur, gleich einem gewöhnlichen Stein, tönend herab.

 

 

>>Teil 2